Fotos — Maurice Haas Datum — 24. Mai 2011
In China ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten niemals eine Linie
—Dennis Lee
Wer China sagt, denkt automatisch an die Grösse des Landes und an die fast unendlichen Möglichkeiten, erfolgreich zu sein. Beides sind Binsenwahrheiten. Aber so einfach ist es nicht. Der wirkliche Weg zum Erfolg ist steinig, verlangt allerhöchsten Einsatz und Kenntnisse, die nur jemand haben kann, der tief mit der chinesischen Kultur vertraut ist. „In China ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten niemals eine Linie“, sagt Dennis Lee, der für IWC im Riesenreich den Markt aufbaut.
Geboren in Taiwan, mit den Eltern ausgewandert in die USA, dort ausgebildet und wieder nach Asien zurückgekehrt: Lee kann vergleichen und weiss, worauf es ankommt, um erfolgreich zu sein. Zuerst hat der Brückenbauer zwischen West und Ost die Uhren aus Schaffhausen in seiner Heimat bekannt gemacht, und jetzt ist China an der Reihe – von Schanghai aus in Richtung der vielen anderen Megacitys mit ihren rasant wachsenden wohlhabenden Bevölkerungen. Praktisch kein Monat vergeht, ohne dass der Taiwaner und sein zwölfköpfiges Team in einer der Millionenstädte mindestens eine neue Boutique eröffnen.
Kein Wunder also, dass Lee die Hälfte der Zeit auf Achse und selten in seinem Büro in Schanghai anzutreffen ist. Kunden besuchen, Standorte evaluieren, Mitarbeiter einstellen. Seine Arbeitstage sind lang und stressig. Ein normaler Arbeitstag dauert von acht bis acht, in aller Regel noch gefolgt von einem langen Nachtessen zur Beziehungspflege. Wiederverkäufer, Medienleute und manch andere, die wichtige Elemente zum Erfolg beitragen, wollen umworben werden. Doch die Zeit ist gut investiert. Erst bei Tisch werden in China tiefere Beziehungen geknüpft und Geschäfte besiegelt, wie z. B. in einer Shopping Mall einen Topplatz zu ergattern.
Ohne persönliche Verbindungen ist in diesem riesigen Land schwer zu reüssieren. Dennis Lee setzt vorweg auf sein taiwanesisches Netzwerk, das tief nach China hineinreicht und von wo sein Grossvater einst emigriert war. Die Taiwaner gehören in Festlandchina bekanntlich zu den erfolgreichsten Investoren und Business People.
Die teuren Uhren aus Schaffhausen differenzieren und sind zu einem Statussymbol für den Erfolg geworden
Vor zwei Jahren, als Lee den chinesischen Markt in Angriff genommen hat, war IWC vergleichsweise schlecht positioniert. „Der Markt hatte den Wert unserer Uhren noch nicht richtig erkannt“, erklärt Lee. Inzwischen hat sich das komplett geändert. Ein fokussiertes Marketingkonzept mit dem Slogan „Engineered for men“ in Inseraten führender Magazine brachte den Erfolg.
Mit dieser Charakterisierung ist IWC bei den erfolgreichen chinesischen Männern, wovon es ja nicht wenige gibt, gut angekommen. Die teuren Uhren aus Schaffhausen differenzieren und sind zu einem Statussymbol für den Erfolg geworden. Den zeigen die Chinesen auch gerne. „Sie scheuen sich nicht, ihren Wohlstand zu zeigen.“ Verständlich, denn der wirtschaftliche Erfolg ist noch relativ jung und äusserst hart erarbeitet.
Sie halten sich wohl ebenso an die Lebensmaxime, die der Chinachef von IWC bei seiner Arbeit hochhält. „Ich versuche, stets mein Bestes zu geben. So habe ich nichts zu bedauern, selbst wenn ich scheitern sollte.“ Bei dieser Einstellung bleibt wenig Freizeit. Sie reicht für ein kurzes Zusammentreffen mit seiner geliebten Tochter, die er gerne bekocht, am Wochenende zu Hause in Taiwan. Am Sonntagabend geht es dann zurück nach Schanghai – mit dem Flugzeug in 80 Minuten.
In seinem Kopf dürften sich die Namen der Millionenstädte drehen, die er für Schaffhausen noch erobern könnte. Es gibt noch viele davon.