Fotos — David Willen Datum — 1. Juli 2010
Es mag ein paar Spezialisten geben, denen die über 140-jährige Geschichte der IWC besser vertraut ist als ihm. Wenn es jedoch um die Uhren und ihr kompliziertes Innenleben selbst geht, dürfte er unschlagbar sein. Die schönsten, aufwendigsten und spannendsten Stücke aus allen Lebensabschnitten des Unternehmens, die im eigenen Museum die vielen Besucher entzücken, sind gewissermassen seine Kinder. Jürg Rüeger, 53, der Betreuer der Museumsuhren, pflegt und hegt sie – wie ein guter Vater eben. Damit sie richtig laufen, regelmässig geölt werden und stets ihren Glanz bewahren. Er kennt ihre Besonderheiten, ist mit ihren Macken vertraut und weiss genau, wie damit umzugehen ist.
Aufgewachsen in der Nähe des Rheinfalls, wo er heute noch wohnt, nur dass er nach der Heirat vom rechten Ufer ans erhöhte linke umgezogen ist, hat er ein tiefes Verständnis für den Fluss der Zeit. Rüeger weiss nur zu gut, dass die Harmonie, die von den vielen ausgestellten Vorzeigeobjekten ausgeht, trügerisch sein kann. So fiel der Abschluss seiner Uhrmacherlehre 1978 mit der landesweiten Uhrenkrise zusammen, die durch das Aufkommen der Quarzuhr ein vermeintliches Ende der mechanischen Uhr signalisierte. Der Manufaktur in Schaffhausen blieb nichts anderes übrig, als die Belegschaft von 380 Mitarbeitenden innerhalb eines halben Jahres auf 140 zu reduzieren.
Er selbst konnte sich glücklich schätzen, zu den Überlebenden zu gehören. In der Arbeit durfte er jedoch nicht wählerisch sein: „Ich wurde zum Allrounder.“ Doch das ist längst Geschichte – inzwischen ist IWC grösser und stärker denn je. Heute ist Rüeger nicht nur Leibarzt der nahezu tausend Preziosen der geschichtsträchtigen Manufaktur, er hat neben weiteren Aufgaben auch eine Wächterfunktion.
Er kennt ihre Besonderheiten, ist mit ihren Macken vertraut und weiss genau, wie damit umzugehen ist
Aus der ganzen Welt werden laufend IWC-Uhren für eine Echtheitsbeglaubigung eingereicht. Der Uhrmacher gehört dem dreiköpfigen Komitee an, das die kritischen Fälle unter die Lupe nimmt. Ist das Prüfresultat bei den allermeisten ein „Ja“, das mit dreifacher Unterschrift beglaubigt wird, so gibt es eine steigende Zahl von „Nein“. Die Mitteilung an den Absender beschränkt sich genau auf diese vier Buchstaben, um raffinierten Fälschern nicht noch Anweisungen zu geben, wie sie ihr Produkt dem Original noch näher bringen könnten.
Mehr Freude bereitet Rüeger die Schliessung von Sammlungslücken, was allerdings gar nicht mehr so einfach ist, da es sich bei fehlenden Stücken zunehmend um Raritäten aus Kleinstserien handelt, wie ganz frühe Armbanduhren. IWC gilt als eine Vorreiterin der neuen Form, die in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts den Sieg über die Taschenuhren errungen hat. In Schaffhausen haben die ersten Zeitmesser der revolutionären Art bereits um 1890 das Werk verlassen. „Diese ganz frühen Armbanduhren wären für unser Museum ein Traum“, sagt der Uhrmacher. „Wir würden gerne zugreifen, wenn uns solche Kostbarkeiten angeboten werden“, ergänzt David Seyffer, verantwortlich für das Uhrenmuseum am Hauptsitz von IWC in Schaffhausen. Die weltweite Sammlergemeinde würde ihrer Lieblingsmarke das wohl verzeihen, obwohl IWC sonst strikt den Grundsatz lebt, sie nicht zu konkurrenzieren.
Und was macht Jürg Rüeger, wenn er nicht zu seinen vielen Kindern schaut? Der Uhrmacher spielt auch in der Freizeit seine ruhige Hand aus: als Sportschütze – über die traditionelle Distanz von 300 Metern – und als Fischer in seinem geliebten Fluss. Hecht, Forelle und die in den Wintermonaten begehrte Rheinäsche sind die Fische, die er regelmässig aus dem Wasser zieht.
Ein Besuch des IWC-Museums in Schaffhausen ist für Uhrenfreunde ein beeindruckendes Erlebnis