DRACHENLAND

Galápagos ist ein Mythos: Archipel im pazifischen Ozean, Weltnaturerbe der UNESCO und als Nationalpark geschützt. die Charlies-Darwin-Stiftung erforscht hier seit 1959 die fragile Natur und berät die Regierung Ecuadors bei deren Massnahmen zum Erhalt des einmaligen Paradieses. Notizen eines Besuchs bei den Hütern der Evolution.

 

Der rötlich schimmernde Urzeitdrachen windet sich mit aller Kraft, schlägt mit seinem über einen Meter langen Körper ruckartig von Seite zu Seite. Carolina García Parra und ihr Assistent halten die gewaltige Echse am Schwanz fest, drücken sie energisch zu Boden, um dann den Nacken des Tieres zu greifen. Dort, wo die Rückensporen in einem Kamm herausstehen wie bei einem Wesen aus dem Dino-Thriller „Jurassic Park“. Rasch nimmt García Parra dem Reptil mit einer Spritze einige Tropfen Blut ab, um es anschliessend wieder laufen zu lassen. Mit schnellen Schritten bringt sich der Iguana Richtung schwarzer Lavafelsen in Sicherheit. „Wir haben in den letzten Wochen hier auf Santa Cruz einige Meerechsen tot aufgefunden“, erklärt die Veterinärin der Charles Darwin Foundation ihre Mission. „Jetzt wollen wir 

gemeinsam mit den Rangern vom Galápagos National Park Service herausfinden, woran die Tiere verendet sind.“

 

Knapp 30 Meeresechsen waren zunächst auf Santa Cruz und dann auf Las Palmas der mysteriösen Krankheit zum Opfer gefallen, später hatte sich die Epidemie auch nach Floreana ausgebreitet. Insgesamt 150 der berühmten Schuppentiere raffte es am Ende dahin. Jetzt schickt García Parra die Blutproben des noch kräftigen Männchens sowie Gewebeproben einiger verendeter Tiere an ein Speziallabor der University of Florida in Gainesville, um der Ursache der Todesfälle auf den Grund zu gehen. „Auffällig war, dass alle Individuen relativ gut genährt erschienen und ihre Mägen noch voll mit grünen und roten Algen waren“, sorgt sich die aus Barcelona stammende Tierärztin, die seit zweieinhalb Jahren auf Galápagos arbeitet. Immerhin: Sämtliche untersuchten Wasserproben erwiesen sich als unauffällig, so dass eine Vergiftung der Reptilien ausgeschlossen werden kann. „Und gottlob haben wir auf den Inseln San Cristóbal, Fernandina und Plazas Sur bisher noch keine toten Tiere gefunden“, so García Parra.

Drama im Garten Eden? Untersuchungen wie diese gehören für die junge Veterinärin zum Arbeitsalltag. Gemeinsam mit anderen namhaften Biologen, Meeresforschern, Ornithologen oder Botanikern bei der Charles Darwin Foundation setzt Carolina García Parra ihre ganze wissenschaftliche Kompetenz für den Schutz der Galápagosinseln ein. Unter der Schirmherrschaft der UNESCO gegründet, untersucht die Organisation seit 1959 das fragile Biotop und berät heute als führende Sachverständige die ecuadorianische Regierung bei der Erhaltung dieses atemberaubenden Archipels und Weltnaturerbes – eines Paradieses in der Isolation.

 

Schon bei unserer Ankunft waren wir von der einzigartigen und geheimnisvollen Landschaft des Archipels gefesselt: von den schroffen Küsten mit ihren schwarzen Lavafeldern und kahlen, verbrannten Hängen, auf denen stachelige Kakteen und duftende Sandelholzbäume gedeihen. Vom grünen Hochland, in dem das Klima feucht und kühl ist und wo meist leichte Nebelschwaden über den Berggipfeln liegen. Diese vulkanischen Inseln stiegen vor rund fünf Millionen Jahren vom Tiefseeboden des Pazifischen Ozeans empor und waren nie mit dem südamerikanischen Kontinent verbunden. Ihre aussergewöhnliche Fauna fand auf beschwerlichen Wegen und meist unfreiwillig über 1.000 Kilometer vom Festland hierher. Die zerklüftete Lava machte das Überleben nach langer Passage durch die Luft oder mit kalten Meeresströmungen zum Kraftakt. Diejenigen, die es schafften, wurden zu Spezialisten der Anpassung an diese atemberaubend schöne und zugleich lebensfeindliche Umgebung.

Galápagos symbolisiert die ewige verheissung einer ursprünglichen natur.
—Carolina García Parra, Veterinärin
—The Galápagos Islands consist of 18 main islands, three smaller islands and 107 rocks and islets.

Was sich vor uns ausbreitet, ist ein weltweit einzigartiges Ökosystem aus Tieren und Pflanzen. „Drei Viertel der auf den Galápagosinseln lebenden Tiere kommen nur hier vor“, erklärt Swen Lorenz, der aus Deutschland stammende Direktor der Charle Darwin Foundation. „Die Galápagos-Riesenschildkröten, Darwin finken und Meerechsen sind einheimische Arten, die Sie nirgendwo sonst auf der Erde finden.“ Doch das Paradies ist in Gefahr: durch menschliche Besiedlung, Einfuhr fremder Tierarten, Überfischung und den Klimawandel. Und vermutlich hätte Galápagos längst seinen ursprünglichen Charakter verloren, hätte die Charles Darwin Foundation nicht den Kampf aufgenommen, um das einzigartige Ökosystem der Inselgruppe zu bewahren. Heute arbeiten mehr als 100 Wissenschaftler, Studenten und Freiwillige in einer kontinuierlich durch Forschung begleiteten Aufklärungskampagne daran, Ökologie und ökonomische Interessen auf Galápagos miteinander zu verbinden – und im besten Fall zu versöhnen.

Noch vor wenigen Jahren drohte die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt durch einen ständig zunehmenden Tourismus, durch Müll, Abwässer, Ölunfälle und das Einschleppen von Bakterien, Schädlingen und fremden Tierarten zerstört zu werden. Nicht zuletzt auf Drängen der Charles Darwin Foundation leitete die Regierung Ecuadors daraufhin zahlreiche Gegenmassnahmen ein. Dazu zählte die Ausweisung von illegalen Bewohnern, die zurück auf das Festland beordert wurden. Auch der Tourismus wurde stark reglementiert und gleichzeitig schuf man ein System, welches es den Inselbewohnern ermöglicht, ihre Selbstversorgung zu verbessern. Dadurch konnte die Zahl der Importe und die damit verbundene Gefahr des Einschleppens von fremden Tieren und Erregern deutlich reduziert werden. Darüber hinaus wurde die Energieversorgung mit Solar- und Windkraft beherzt ausgebaut. Dank solcher Massnahmen konnte der Galápagos-Archipel wieder von der „Roten Liste“ der UNESCOgestrichen werden, auf die er im Jahre 2007 gesetzt worden war. „Entgegen allen Unkenrufen sind die Inseln hier eine echte Erfolgsgeschichte“, erklärt denn auch Swen Lorenz durchaus selbstbewusst.

 

Seit 2009, als die wissenschaftliche Welt den 200. Geburtstag von Charles Darwin feierte, gehört auch IWC Schaffhausen zu den Förderern und Hütern dieses Juwels. „Ohne Unterstützung aus der Wirtschaft wäre unsere Arbeit hier kaum möglich“, sagt Swen Lorenz. Doch die gleichwohl beschränkten finanziellen Mittel zwingen die Wissenschaftler auch zu kreativen neuen Wegen: So setzen Lorenz und seine Mitarbeiter heute ganz gezielt auf moderne Kommunikationsmedien und das Internet, um das Interesse der Welt auf die Bedrohung dieser einzigartigen Arche Noah in den Weiten des Pazifiks zu lenken.

Die inseln sind entgegen allen unkenrufen eine echte erfolgsgeschichte des umweltschutzes.
—Swen Lorenz, Direktor der Charles Darwin Foundation

Für die Veterinärin Carolina García Parra ist die Arbeit auf der Forschungsstation zweifellos ein Traumjob. „Für jeden Biologen verkörpert Galápagos einen Mythos, die Verheissung einer Natur, die so ursprünglich und unberührt ist wie an nur wenigen Plätzen auf unserem Planeten“, erklärt sie fast schon poetisch. Und dessen Schutz sei eben mehr als nur die Rettung einer schroffen Inselgruppe irgendwo fernab in den Weiten des Ozeans, sondern habe durchaus Symbolcharakter für die Notwendigkeit eines behutsameren Umgangs mit der Schöpfung überall auf der Welt.

 

Wir gehen wieder hinunter zum Strand, dorthin, wo sich die berühmten Meerechsen langsam ins Wasser schlängeln, um dann behände zu den Plätzen mit Meeresalgen zu schwimmen. Die Äquatorsonne brennt heiss auf die schwarzen, zerklüfteten Lavafelsen. Dicht gedrängt liegen Hunderte von Echsen auf den Klippen und sonnen sich. Wie kleine Drachen sehen sie aus. „Kobolde der Finsternis“ nannte sie schon der englische Wissenschaftler Charles Darwin, als er im Jahr 1835 Galápagos besuchte und hier seine Evolutionstheorie entwickelte. 

Wirklich anmutig sind die Tiere mit ihren dornigen, salzverkrusteten Köpfen und dem Stachelkamm, der sich vom Nacken bis zum Schwanzende zieht, wahrlich nicht. Ihre kräftigen Krallen, die weit auseinander liegenden Augen, ihre knallrote Zunge, die immer mal wieder sichtbar wird, wenn sie ihr Maul aufreissen und ihre scharfen spitzen Zähne zeigen, lassen sie wie aus der Zeit gefallene Saurier erscheinen – Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen der Erdgeschichte.

 

Andererseits: Liegt Schönheit letztlich nicht im Auge des Betrachters? Für Carolina García Parra jedenfalls verkörpert auch „Amblyrhynchus cristatus“, so der wissenschaftliche Name des schuppigen Urwesens, die faszinierende Fülle der Galápagosinseln. Und mit ihr jenen Zauber, der sich kaum in Worte fassen lässt. „Man muss ihn einmal selbst erlebt haben“, sagt uns die spanische Forscherin zum Abschied mit einer Spur Pathos. „Jedes Eiland hier ist ein Juwel, das aus sich selbst heraus strahlt und einen für immer gefangen hält.“

—Eine der berühmten Meerechsen beim Tauchgang. Das knappe Nahrungsangebot auf den Inseln bewirkte, dass sie den Algenbewuchs in der Brandungszone als Futterquelle für sich entdeckten. Grosse männliche Exemplare sind in der Lage, bis zu einer Tiefe von zwölf Metern ins Meer hinabzutauchen.
—Stillleben mit Adlerrochen, Korallenfischen und Hammerhai: Die Gewässer rund um das Galápagos-Archipel sind so artenreich, dass man sie schon als eines der „sieben Unterwasserwunder der Welt“ bezeichnet hat – ein Paradies für Taucher.

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