Worlds of Watches
Stets seiner Zeit voraus: Gérald Genta und die IWC Ingenieur.
Evelyne und Alexia Genta über Gérald Gentas Vermächtnis.
32 Jahre lang führte Evelyne Genta mit Gérald Genta, dem wohl berühmtesten Uhrendesigner aller Zeiten, ein „wundervolles, wundervolles Leben“. Ihre Tochter Alexia wuchs zwischen zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten auf: einem, wie sie sagt, „künstlerischen Freigeist“ und einer scharfsinnigen Geschäftsfrau. 2019 gründeten Mutter und Tochter die Gérald Genta Heritage Association, um auch künftige Generationen zu inspirieren.
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Ingenieur SL, Ref. 1832, einer der Ikonen der sogenannten „Genta Trinity“, sprachen Evelyne und Alexia mit dem IWC Journal über einige ihrer prägendsten Erinnerungen an den Mann, der für sie Ehemann und Vater war.
„Ihr werdet sehen, die anderen werden schon noch nachziehen.“
Wie wurde die Ingenieur anfangs aufgenommen?
Evelyne: Ursprünglich war die Ingenieur eine technische Uhr. Durch den kreativen Blick eines Künstlers bekam sie jedoch eine völlig neue Gestalt.
Alexia: Selbst wenn alle zu ihm sagten: „Was du entworfen hast, ist nicht gut. Das gefällt uns nicht“, antwortete er immer: „Ihr werdet sehen, die anderen werden schon noch nachziehen.“ Heute ist es umso schöner, die Ingenieur zu sehen und zu wissen, dass mein Vater recht hatte. Genau deshalb können wir sie heute eine Ikone nennen.
Was würde Gérald Genta über die Entwicklung der Ingenieur sagen?
Evelyne: Wenn Gérald heute hier wäre und mit uns auf 50 Jahre Ingenieur anstoßen könnte, wäre er sicher sehr glücklich darüber, dass die Ingenieur ihrem ursprünglichen Charakter treu geblieben ist und man seinem Design mit großem Respekt begegnet. Er würde sicher schätzen, dass heute bessere technische Verfahren und fortschrittlichere Mechanismen zum Einsatz kommen. Das Leben geht weiter, und Gérald wollte nie, dass etwas stehen bleibt. Umso mehr würde es ihn freuen, dass der ursprüngliche Charakter dieser Uhr bis heute lebendig geblieben ist.
Alexia: Mein Vater war ein Visionär. Er orientierte sich weder an der Konkurrenz noch daran, was andere von ihm erwarteten. Er wollte einfach seiner eigenen kreativen Intuition folgen, unbeeinflusst von den Wünschen anderer oder der Nachfrage des Marktes.
Picasso als künstlerischer Kompass.
Was inspirierte ihn bei seinen Entwürfen?
Evelyne: Die Inspiration meines Mannes kam nie aus der Welt der Uhren oder der Uhrmacherei. Meist fand er sie in der Kunst. Besonders bewunderte Gérald Picasso, weil er sich nicht auf eine einzige Disziplin beschränkte, sondern seine Kreativität auf ganz unterschiedliche Formen und Objekte übertrug. Er fühlte sich zu Menschen hingezogen, die vieles konnten und sich nicht auf einen Bereich festlegen ließen.
Wie entwickelten sich seine Kunst und seine Entwürfe im Laufe der Zeit?
Alexia: Vormittags entwarf er Uhren, nachmittags malte er. Wenn man seine Arbeiten über die Jahre betrachtet, erkennt man deutlich, wie sich seine Designs und seine Malerei parallel zueinander entwickelten. Seine frühen Entwürfe waren noch zurückhaltender, subtiler und weniger gewagt. Es waren schwierige Anfangsjahre.
Dann lernte er meine Mutter kennen und nach und nach kam mehr Farbe in seine Arbeiten. Er zog in den Süden Frankreichs, ließ sich vom blauen Himmel dort inspirieren und wurde mutiger im Umgang mit Formen. Mit der Zeit wurde sein Stil immer freier und expressiver. Das zeigt sich in seinen Designs ebenso wie in seinen Gemälden, die zunehmend abstrakter und lebendiger wurden.
Diese Entwicklung folgte also weder der Nachfrage des Marktes noch dem, was die Konkurrenz machte. Sie war Ausdruck eines Künstlers, der sich von seiner Umgebung inspirieren ließ.
Mein Vater hatte ein unglaubliches Gespür für Details. An einem Gebäude oder in einem Park konnte ihm etwas auffallen, an dem wir anderen achtlos vorbeigegangen wären. Er sah Dinge, die uns Normalsterblichen oft völlig entgingen.
Wie ging er beim Entwerfen vor?
Alexia: Seine Arbeitsweise war denkbar einfach. Gleich morgens setzte er sich im Anzug und mit Krawatte an seinen Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier, zog zwei Linien, griff zum Zirkel und begann zu entwerfen. Keine zwei Stunden später war eine neue Uhr entstanden.
Kreativität im Überfluss.
Welche Rolle spielte die Materialwahl für Genta?
Evelyne: Für ihn passte Stahl einfach am besten zur Ingenieur. Damals war Stahl als Material für eine Luxusuhr noch keineswegs etabliert. Trotzdem war er überzeugt, dass gerade für die Ingenieur Stahl die richtige Wahl war. Es dauerte, bis sich diese Sichtweise durchsetzte. Und sehen Sie, wo wir heute stehen.
Alexia: Eine schöne Uhr spricht für sich. Da braucht es kein großes Drumherum. Im Gegenteil: Zu viel Marketing wirkt schnell unglaubwürdig. Wenn die Uhr selbst alles sagt, braucht es eigentlich nichts weiter.
Was verrät seine Art zu gestalten über Gérald Gentas Persönlichkeit?
Alexia: Beim Entwerfen folgte er völlig seinem Instinkt – ein Albtraum für diese Dame hier [zeigt auf Evelyne]. Denn wenn man ein Unternehmen führt, muss man Kollektionen strukturieren und kann nicht ständig neue Prototypen entwickeln. Das Problem war also nicht mangelnde Kreativität, sondern eher ein Übermaß davon. Genau das ermöglichte es ihm aber auch, immer wieder die Konventionen der Branche infrage zu stellen und wegweisende Ideen zu entwickeln.
Evelyne: Ich muss dazu sagen, mein Mann hat tatsächlich nie Englisch gelernt. Ich sagte immer zu ihm: „Du solltest wirklich Englisch lernen, schließlich haben wir überwiegend englischsprachige Kunden.“ Und er antwortete: „Nein, das brauche ich nicht. Meine Uhr spricht für sich.“
Die Schule des Lebens.
Erzählen Sie uns etwas über Gérald Gentas Herkunft.
Alexia: Die Lebensgeschichte meines Vaters ist vielschichtiger, als man vielleicht vermuten würde. Er kehrte [aus Italien] in die Schweiz zurück, prägte die Schweizer Uhrenindustrie maßgeblich und wurde schließlich zum berühmtesten Uhrendesigner der Welt.
Evelyne: Er kam unter unglaublich schwierigen Umständen zur Welt. Seine Mutter war blind, und die Familie hatte überhaupt kein Geld. Schon früh begleitete ihn ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit. Er sagte immer zu mir: „Warum konnte ich nicht länger zur Schule gehen? Warum konnte ich nicht studieren? Warum, warum, warum, warum?“
Wie prägten diese Erfahrungen sein Leben als Uhrendesigner?
Alexia: Mein Vater war der klassische Underdog. Er kam aus sehr schwierigen Verhältnissen. In seiner Familie gab es weder Uhrmacher noch Uhrendesigner.
Evelyne: Sein Leben war wirklich hart. Mit 14 Jahren arbeitete er nach der Schule und erledigte Botengänge, um seine Eltern finanziell ein wenig zu unterstützen. Ich glaube nicht, dass man Design wirklich lernen kann. Es ist eher etwas, das einen das Leben lehrt. Vielleicht braucht es sogar diese Wut, diesen Zorn. Ganz gleich, wie schwierig die Umstände sind, man kann es trotzdem schaffen.
Er erlebte die Quarzkrise hautnah. Panik machte sich breit, Fabriken schlossen, und die Schweizer Uhrenindustrie fürchtete um ihre Existenz. Géralds historische Bedeutung liegt auch darin, dass er dazu beitrug, die Schweizer Uhrenindustrie durch diese Krise zu führen.
Erfahren Sie hier mehr über die Geschichte von Gérald Gentas Ingenieur.
Die Schönheit liegt im Detail.
Alexia: Zurzeit sprechen wir mit den Archivaren der einzelnen Marken und arbeiten uns gemeinsam durch die Bestände. Wir vergleichen die dort vorhandenen Entwürfe mit unseren eigenen Unterlagen und versuchen herauszufinden, ob bestimmte Uhren tatsächlich von meinem Vater gestaltet wurden. Bei einigen vermuten wir bereits, dass sie von ihm stammen.
Bei manchen sind wir uns fast sicher, dass sie tatsächlich von ihm stammen. Bei anderen vielleicht nicht, doch der Einfluss seiner Arbeit ist deutlich zu erkennen. Es ist echte Detektivarbeit.
Außerdem gibt es hervorragende Archive, in denen wir recherchieren können. Meine Faustregel lautet: Wenn drei glaubwürdige Quellen bestätigen, dass mein Vater ein bestimmtes Modell entworfen hat, und die betreffende Marke dem zustimmt, können wir ihm den Entwurf zuschreiben. Bei IWC Schaffhausen wissen wir, dass es noch mehr [zu entdecken] gibt, denn meinen Vater und IWC verband eine enge und erfolgreiche Zusammenarbeit.
Was hat er Ihnen mitgegeben?
Alexia: Zu meinen frühesten Erinnerungen an meinen Vater gehören unsere Spaziergänge durch den Jardin des Roses in Monaco, einen wunderschönen kleinen Rosengarten mit Tausenden von Rosen.
Mein Vater ging mit mir dorthin und blieb vor jeder einzelnen Rose stehen. Gemeinsam betrachteten wir die Blütenblätter, die Dornen, ihre Anordnung – einfach alles. Das konnte sehr lange dauern, und ich muss zugeben, dass mir manchmal die Geduld fehlte. Aber er brachte mir bei, Schönheit zu entdecken, indem man wirklich hinsieht und ganz bei dem ist, was man betrachtet. Wenn ich heute meinen Geschmack bei Uhren und Kunst betrachte, merke ich, wie viel davon ich von ihm übernommen habe. Er hat mir beigebracht, genau hinzusehen.
FAQ
Was macht die von Gérald Genta entworfene IWC Ingenieur SL, Ref. 1832, so bedeutend?
Die Ref. 1832 verdankt ihre Bedeutung Gérald Gentas wegweisendem Entwurf. Mit integriertem Armband, fünf funktionalen Schrauben und strukturiertem „Grid“-Zifferblatt etablierte er bei IWC Schaffhausen den Typus der Luxus-Sportuhr aus Edelstahl. Die ikonische Ref. 1832 prägte die Ingenieur-Kollektion über Jahrzehnte und ist bis heute erstaunlich modern und einflussreich.
Wie hat sich die IWC Ingenieur entwickelt?
Die Geschichte der IWC Ingenieur begann 1955 mit einer antimagnetischen Uhr für Ingenieure und Wissenschaftler. 1976 gab Gérald Gentas Entwurf der Ingenieur SL, Ref. 1832, der Kollektion eine völlig neue Richtung. Gemeinsam mit seinen anderen ikonischen Entwürfen trug sie dazu bei, die Luxus-Sportuhr aus Edelstahl als eigene Kategorie zu etablieren und das Design zahlreicher Luxusuhrenmarken nachhaltig zu prägen.
Gilt die historische IWC Ingenieur SL, Ref. 1832, heute als begehrtes Sammlerstück?
Ja. Aufgrund des ikonischen Designs von Gérald Genta, ihrer historischen Bedeutung und ihres charakteristischen „Grid“-Zifferblatts ist die IWC Ingenieur SL, Ref. 1832, heute bei Sammlern äußerst begehrt. Mit IWC. Curated. können Sammler und Liebhaber historische und gebrauchte IWC-Uhren direkt von der Marke erwerben. Das stärkt zusätzlich die Attraktivität und Authentizität des Modells und unterstreicht seinen Status als begehrtes Sammlerstück.
Was ist die „Genta Trinity“ und warum ist sie bedeutend?
Die „Genta Trinity“ bezeichnet Gérald Gentas drei ikonischste Luxusuhrenentwürfe: die Royal Oak, die Nautilus und die IWC Ingenieur. Gemeinsam stehen sie für seinen außergewöhnlichen Einfluss und ein gestalterisches Vermächtnis, das die moderne Uhrmacherei bis heute prägt.