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Vitra x IWC – Form, Funktion und Design.
Ein Gespräch zwischen den Chief Design Officers Christian Grosen und Christian Knoop.
Vor Kurzem trafen bei einem in Los Angeles veranstalteten IWC-Event zwei Welten aufeinander, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: die jüngste IWC Ingenieur-Kollektion, inspiriert von Gérald Gentas ikonischer Ingenieur SL Ref. 1832, und eine Auswahl an Vitra-Möbeln, darunter Verner Pantons Cone Chair und Heart Cone Chair. Vor der spektakulären modernistischen Kulisse von John Lautners Sheats-Goldstein Residence drängte sich eine Frage geradezu auf: Was haben ein Uhren- und ein Möbelhersteller gemeinsam?
Um dieser Frage nachzugehen, sprach das IWC-Journal mit Christian Grosen, Chief Design Officer von Vitra, und Christian Knoop, Chief Design Officer von IWC Schaffhausen. Das Gespräch reichte von zeitlosem Design und Architektur über Dieter Rams’ „Zehn Thesen für gutes Design“ bis zum charakteristischen Zusammenspiel von Form und Technik, das die Designphilosophie von IWC Schaffhausen prägt.
Dieter Rams und die emotionale Seite guten Designs.
Ausgehend von der Frage „Was ist gutes Design?“ formulierte Dieter Rams seine berühmten „Zehn Thesen für gutes Design“. Würde er dieselbe Frage heute stellen, fiele die Antwort anders aus?
Christian Grosen: Wenn wir über physische Produkte sprechen, haben die zehn Thesen erstaunlich wenig von ihrer Gültigkeit verloren und sind nach wie vor relevant. Rams konzentrierte sich auf Rationalität und Zurückhaltung. Heute ist „Design“ jedoch viel weiter gefasst als damals. In seinen Thesen fehlen mir die emotionalen Aspekte eines Produkts. Heute entscheiden sich Menschen oft für Produkte aufgrund ihrer Identität, ihrer Bedeutung, eines Gefühls der Zugehörigkeit oder weil sie etwas verkörpern, das sie anstreben.
Christian Knoop: Für mich ist der unschärfste und zugleich anspruchsvollste Begriff in seinen Thesen „minimal“. Man kann ihn so interpretieren: „Alles andere weglassen.“ Wie Christian sagte, ist der emotionale Aspekt wichtig. Das kann zusätzliches Material oder ein zusätzliches Detail sein, das einem Objekt emotionale Bedeutung verleiht und eine Verbindung dazu schafft.
Das gilt besonders für unsere Branche. Die mechanische Uhr ist nicht die minimalste Lösung, um die Zeit abzulesen, besitzt aber durch Tradition, Handwerkskunst und Marke einen hohen Wert. Deshalb verwende ich lieber den Begriff „pur“, weil er sich auf das Relevante konzentriert. Er lässt Raum für das, was für die Marke und den Kunden zählt.
Ein fundamentales menschliches Bedürfnis.
Manche Designs bleiben über Jahrzehnte relevant, während andere schon nach wenigen Jahren verschwinden. Was unterscheidet ein Design, das Bestand hat, von einem, das nur für kurze Zeit erfolgreich ist?
Knoop: Was ein Design beständig macht, sind der bewusste Einsatz hochwertiger Materialien und Technologien, aber auch ein hoher Wiedererkennungswert und eine klare Identität. Es bleibt im Gedächtnis. Wir werden jeden Tag mit neuen Designs und Produkten überflutet. Was schließlich den Unterschied zwischen einem einfach schönen und einem erfolgreichen Produkt ausmacht, ist sein Charakter – etwas, mit dem man sich identifizieren kann und an das man sich erinnert.
Grosen: Beständige Produkte sprechen ein grundlegendes menschliches Bedürfnis an, das über Trends hinausgeht. Etwas, das die Zeit überdauert. Es braucht die Fähigkeit und das Gespür, diese grundlegenden Bedürfnisse zu erkennen, seien sie funktional oder emotional. Die Identität eines Produkts ist heute entscheidend, weil es so viele gute Produkte gibt. Was macht eines besser als das andere? Es ist die Verbindung, die man zu diesem Produkt aufbaut.
Oftmals verändern eine bahnbrechende neue Technologie oder ein neues Material die Art und Weise, wie Menschen ein Produkt wahrnehmen oder mit ihm interagieren. Zumindest haben wir das in der Möbelindustrie der Nachkriegszeit erlebt: Neue Technologien und neue Möglichkeiten, bestehende Technologien zu kombinieren – etwa durch den Einsatz von Sperrholz oder Schaumstoff – brachten plötzlich etwas völlig Neues hervor und prägen die Entwicklung bis heute.
Knoop: Ähnlich war es in der Uhrenindustrie: Die Da Vinci Perpetual Calendar bot eine völlig neue Uhrwerkstechnologie. Ein weiteres Beispiel ist die Referenz 3705 aus den 1990er-Jahren, die erste komplett schwarze Fliegeruhr aus Keramik. Diese neuen Materialien und Funktionen trugen maßgeblich dazu bei, dass ein Produkt zur Ikone und zu einem wichtigen Meilenstein wurde.
Entscheidend ist es, Megatrends statt kurzlebiger Trends zu erkennen. Dafür muss man den Blick weiten und beobachten, welche Entwicklungen sich über einen längeren Zeitraum in der Gesellschaft abzeichnen. Das ist sehr wichtig, wenn Produkte Bestand haben sollen. Einfach ist das nicht, aber wir versuchen es.
Form und Technik in Balance.
Die beständigsten Designs entstehen oft im Spannungsfeld von gestalterischem Anspruch und technischen Grenzen. Wie wirken diese beiden Kräfte in Ihrer Arbeit zusammen?
Grosen: Für mich gehen Engineering und Design immer Hand in Hand. Manchmal wird eine technische Erfindung zum Katalysator für die Weiterentwicklung, manchmal ist es eine Designvision, die sich im Dialog mit den Engineering-Teams weiterentwickelt. In beiden Fällen verschmelzen Design und Engineering bei Vitra in einem erfolgreichen Produkt letztlich nahtlos miteinander.
Knoop: Ich sehe das genauso. Ich bin ein großer Befürworter einer gesunden Balance zwischen Form und Technik. Wenn wir neue Produkte entwickeln, sind viele verschiedene Fachbereiche beteiligt. Nicht nur Designer und Uhrmacher, sondern auch Fachleute aus Industrialisierung, Einkauf und Kundenservice. Das führt manchmal zu Reibung, doch alle bringen wichtige Perspektiven ein, die uns helfen, ein qualitativ hochwertigeres, ausgereifteres und stärker auf Markt und Kunden ausgerichtetes Produkt zu entwickeln.
Architektur als immersives Erlebnis.
Welche Bedeutung hat Architektur für Ihre jeweiligen Branchen?
Grosen: Über Möbel zu sprechen, ohne ihren Kontext zu berücksichtigen, ist schwierig. Dieser wird häufig von der umgebenden Architektur geprägt. Sie ist daher eine sehr wichtige Inspirationsquelle, zugleich aber auch etwas, mit dem wir uns beim Entwerfen von Möbeln ständig auseinandersetzen müssen.
Wir betrachten moderne Architektur, um zu verstehen, wie eine moderne Wohnung heute aussieht. Der Grundriss unterscheidet sich stark von dem vor 50 Jahren, und das kann neue Möbeltypologien erfordern. Auf unserem Vitra-Campus stehen Gebäude und das Design Museum, die von berühmten Architekten wie Frank Gehry, Zaha Hadid, Tadao Ando oder Herzog & de Meuron entworfen wurden. Architektur ist entscheidend dafür, wie wir arbeiten und über unsere Produkte nachdenken.
Knoop: Für mich besitzt Architektur vor allem eine immersive Wirkung, die unseren Produkten fehlt – weil man eine Uhr nicht betreten kann. Ein Gebäude dagegen kann man betreten und mit allen Sinnen erleben. Das ist sehr intensiv. Und faszinierend. Genau deshalb fasziniert mich Architektur: Sie berührt einen auf so viele Arten. Wenn man einen Raum betritt, der einen fasziniert oder erschreckt, wirkt das auf den ganzen Körper. Und es kann sehr starke Emotionen auslösen.
Die Architektur einer Boutique, eines Flagship-Stores oder einer Wanderausstellung ermöglicht es, vollständig in eine Marke einzutauchen. Ich erlebe aus erster Hand, dass es etwas mit unseren Gästen macht, wenn sie unser 150 Jahre altes Stammhaus oder unser vor acht Jahren eröffnetes Manufakturzentrum betreten. Das ist eine wichtige Möglichkeit, unsere Markengeschichte zu erzählen und zu zeigen, wer wir sind.
Die besondere Rolle der Materialien.
Wenn große Designer über Materialien sprechen, klingt es oft fast so, als wären diese Mitgestalter. Welche Rolle spielen Materialien dabei, die Identität eines Designs zu prägen?
Grosen: Materialien sind entscheidend. Sie beeinflussen das gesamte Erleben eines Produkts: seine Textur, sein Gewicht, seine Festigkeit, die Temperatur des Materials und das haptische Erlebnis. Ein Möbelstück nimmt man mit dem ganzen Körper wahr: Man berührt es und spürt beispielsweise seine Weichheit. Dasselbe gilt für den Klang eines Materials. Klopft man auf PP statt auf Polycarbonat, sind das zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen. Man spürt sofort, ob etwas hochwertig oder unecht wirkt. Ja, Materialien sind also wie Mitgestalter.
Knoop: Materialien spielen bei Produkten, die Jahrzehnte oder sogar Generationen überdauern sollen, eine besondere Rolle. Wir stellen höchste Anforderungen an die Haltbarkeit und Qualität unserer Materialien. Neue Materialien in unsere Produkte zu integrieren, erfordert daher intensive Langzeittests. Wie teste ich ein Material, das 100 Jahre halten soll? Wir arbeiten häufig mit traditionellen, bewährten Materialien, die dieses Versprechen auch in Zukunft erfüllen.
IWC Schaffhausen gilt als Vorreiter bei Materialinnovationen. In den 1980er-Jahren waren wir die erste Marke, die farbige Keramik einführte, und gemeinsam mit Ferdinand Alexander Porsche leisteten wir Pionierarbeit bei Titanuhren. Beide Hightech-Materialien, Titan und Keramik, spielen für uns bis heute eine sehr wichtige Rolle. Seither haben wir unser Spektrum um weitere Titanlegierungen erweitert und mit Ceratanium® ein eigenes Material geschaffen, das die Eigenschaften von Titan und Keramik vereint. Mit Ceralume® haben wir zudem ein vollständig leuchtendes Keramikmaterial entwickelt. Gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entstand außerdem CMC, ein Keramikmatrix-Verbundwerkstoff. Materialinnovation spielt daher eine sehr wichtige Rolle in unserem Erbe und ebenso für unsere Zukunft.
Ein Teil der eigenen Geschichte.
Was bringt Menschen dazu, zu bestimmten Objekten eine dauerhafte emotionale Beziehung aufzubauen?
Grosen: Je stärker die Verbindung zu einem Produkt mit der Zeit wird, desto mehr wird es zu einem Teil der eigenen Geschichte. Das hat nichts mit seinem finanziellen Wert zu tun, sondern mit der Rolle, die es im eigenen Leben spielt.
Knoop: Dass diese Beziehung so subjektiv und individuell ist, ist das Schönste und Faszinierendste daran. Unsere Kunden sprechen sehr unterschiedlich über dasselbe Produkt aus unseren historischen oder aktuellen Kollektionen. Für mich zeigt das, dass Menschen in denselben Produkten sehr unterschiedliche Dinge sehen. Diese emotionale Verbindung zu erleben, ist faszinierend und zugleich sehr motivierend.
Stellen Sie sich vor, jemand begegnet in fünfzig Jahren einem Ihrer Designs. Was soll diese Person Ihrer Meinung nach darüber sagen?
Grosen: Nun, ich hoffe, sie würde sagen, dass es für sie noch immer relevant und bedeutsam ist und dass sie eine emotionale Bindung dazu aufgebaut hat. Vielleicht sogar so sehr, dass sie es gar nicht mehr hergeben möchte. Das wäre großartig.
Knoop: Als Designer stehen wir jeden Morgen mit der Hoffnung auf, eine Ikone zu gestalten, die 50 Jahre oder länger Bestand hat. Die Zeit wird es zeigen.
FAQ
Was verbindet IWC Schaffhausen und Vitra?
IWC Schaffhausen und Vitra verbindet das Bekenntnis zu zeitlosem Design, außergewöhnlicher Handwerkskunst und der Überzeugung, dass funktionale Objekte technische Exzellenz mit dauerhaftem ästhetischem Wert vereinen sollten. Beide Marken stehen für Innovation, die in ihrer gestalterischen Tradition verwurzelt ist, und schaffen Produkte, die darauf ausgelegt sind, Generationen zu überdauern, statt kurzlebigen Trends zu folgen.
Was versteht man unter dem Konzept „Form und Technik“ und welche Bedeutung hat es für IWC Schaffhausen?
„Form und Technik“ ist das zentrale Konzept und der Claim der Ingenieur-Linie von IWC Schaffhausen und steht für die Verbindung von Design („Form“) und Engineering („Technik“). Dieser Ansatz zeigt sich exemplarisch in der Ingenieur, die Gérald Gentas Design mit der technischen Expertise von IWC Schaffhausen verbindet, und steht im Einklang mit Dieter Rams’ „Zehn Thesen für gutes Design“ sowie der übergeordneten Designphilosophie von IWC Schaffhausen.
Wie spiegeln Gérald Gentas Designs und die Goldstein Residence die Markenidentität von IWC Schaffhausen wider?
Die Uhrendesigns von Gérald Genta und die Goldstein Residence zeichnen sich durch klare Linien, durchdachtes Engineering und ein Design aus, das Bestand hat. Beide zeigen, wie Innovation und Handwerkskunst zusammenwirken können, um zeitlose Objekte zu schaffen. Diese Eigenschaften spiegeln den Ansatz von IWC Schaffhausen in der Uhrmacherkunst wider, bei dem technische Präzision und bewusstes Design Hand in Hand gehen.